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Beschreibung

Vierzehn Personen suchen ihren »Faust«

FaustReloaded - die Akteure In der Paulus-Kirche wurde am Abend des 7. Mai 2013 nichts Geringeres versucht, als zu einer Ikone der Klassik einen theatralen Zugang aus der Perspektive der heute Lebenden (und Lesenden) zu finden.
Zwischen 16 und 89 Jahre alt sind die Darstellerinnen und Darsteller des Theaterstücks, das den Titel »Faust reloaded« trägt. Eingerichtet haben es Alexandra Luise Gesch und Martin Kemner.
Im Wesentlichen bilden die textliche Grundlage Szenen aus dem ersten Teil (Ausnahme ist der Türmer-Blick des Lynkeus aus dem V. Akt) des goetheschen "Faust", ergänzt bzw. erweitert durch erklärende, bekenntnishafte, kommentierende oder auch offensichtlich improvisierende Textpassagen (z.B. "Vor dem Tor").
Die Verbindung von Goethe-Wort und Eigenformulierung signalisiert, dass die Faust-Geschichte, indem sie nach dem Sinn des Lebens fragt ("Es irrt der Mensch, solang' er lebt."), auch impulsgebend für die persönlichen Geschichten der Darstellenden ist. Diese erzählen dann auch von Sehnsüchten, von Liebe und von Leid oder sie räsonieren über das Verhältnis der Geschlechter im Allgemeinen oder im Besonderen (z.B. "Der Nachbarin Haus", "Vor dem Tor").
Somit stehen menschliche Beziehungen, nicht nur die zwischen Margarete und Faust ("Meine Ruh' ist hin …", "Brunnen"), deutlich im thematischen Mittelpunkt der Spielhandlung. Der wissensdurstige, mit Mephisto paktierende Faust ("Prolog", Lied eines Vaganten, "Nacht") wird nur zu Beginn des Stücks problematisiert.
Gleichsam als Parallelthema zieht sich ein "Gespräch der Generationen" durch das Stück: Sei es, dass im "Prolog" der Herr (ein älterer Herr) im Gespräch mit Mephisto (ein junger Spund) diesen mit "mein Junge" oder "Kleiner" anspricht, sei es, dass das Sehnsuchtsgedicht der jugendlichen Margarete-Darstellerin ("Meine Ruh' ist hin …") auch für alle anderen Darstellerinnen, egal welchen Alters, bedeutungsvoll ist und Gültigkeit besitzt. Es bleibt das "Sehnen in der Brust".

»Unter den Talaren …«

Fast fühlt sich der Zuschauer auf anschaulich-wirkungsvolle Weise in die frühe Neuzeit des Dr. Faustus zurückversetzt, wenn im Barett und Talar die Darstellenden auftreten, Mandoline und Renaissance-Lied des Sängers den Raum der Kirche füllen.
Immer wieder kurzweilig das Spiel unterbrechend, tritt eine weibliche Erzählerfigur auf, zuweilen assistiert von einer weiblichen Weisheitsfigur (Eule), die das Publikum in die Spielhandlung einbeziehen oder einbinden bis zum Liedgesang oder zur Kurzrezitation. Der Zuschauer wird durchgehend erläuternd begleitet und erfährt so u.a. auch ("Könnte es sein …?"), dass eine geballte Goethe-Hand der Tragödie zu ihrem Titel verhalf.
Am eindrucksvollsten sind die szenischen Gestaltungen dann, wenn die Bildlichkeit klar oder choreographisch augenfällig ist. So beispielsweise Chorführerin und Chor in "Nacht", so beispielsweise Gretchen und die verschiedenen Lieschen-Figuren in "Am Brunnen", so beispielsweise die bezopften Gretchen-Figuren in "Gretchens Stube".
Und, auch wenn außer ihm das gesamte Ensemble klug den Kirchenraum einschließlich der Empore spielerisch nutzt: Mit dem Mephisto-Darsteller zeigt sich nicht nur eine sehenswert-jugendliche Beweglichkeit, sondern damit ebenso erhellend die Funktion der Figur als stumm kommentierender Reiz- und Störfaktor in einer Kirche.

» … kein Muff von tausend Jahren.«

Was die vierzehn Personen im "Faust" gesucht haben, verraten sie dem Zuschauer mit der Auswahl der thematischen Schwerpunkte, die für das Stück und das Spiel maßgeblich gewesen sind: Sehnsucht altert nicht, Liebe ist immer jung, Leiden und Leben gehören zusammen.
Mindestens genauso wichtig aber könnte das sein, was diese vierzehn Personen während ihrer Suche gefunden bzw. erfahren haben: Überwindung der Spielangst, Neugier auf die Mitspielenden, Mut sich zu offenbaren, Freude an der Darstellung. Das wird dem Zuschauer im Schlussbild verraten.
Lob und Dank, Respekt und Anerkennung für einen "Faust"-Abend, der eindrucksvoll zeigt, dass sowohl lektüreerprobte Goethe-Liebhaberinnen als auch neugierig-naive Erstleserinnen und -leser aus dem "Faust" gemeinsam ihren jeweils ganz persönlichen Honig saugen können.

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Presse

Hier tanzt der Teufel in der Kirche
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(Sonntags-Journal vom 02.06.2014)

»Faust« für Jung und Alt
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Spielen ist gut fürs Selbstbewusstsein
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